24.Oct.2017 | 04:17:40
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Auf dem (Fahrrad)-Gipfel der Glückseligkeit

Der Traum eines jeden ambitionierten Fahrradfahrers ist, einmal in seinem Fahrradleben auf das Stilfser Joch zu radeln. Diesen Traum haben wir uns verwirklicht. Und müssen bestätigen, daß wir noch nie so etwas Spektakuläres gesehen haben geschweige denn gefahren sind.

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Die Vorgeschichte

Vor zwei Wochen zu meinem Geburtstag hatte ich mir einen »Alpenpass« gewünscht - und bekommen. Wir waren die Großglockner Hochalpenstraße bis zur Edelweißspitze mit dem Rad hochgefahren. Es war eine phantastische Erfahrung gewesen und Frauchen war so begeistert davon, daß sie sich für ihren Geburtstag, zwei Wochen später, etwas Vergleichbares wünschte.

Nun, etwas Vergleichbares zur Großglocknerstraße zu finden, ist nicht gerade einfach, besticht sie doch durch sportliche Herausforderung und grandiose Landschaft. Eigentlich gibt es nur noch eine Möglichkeit der Steigerung: Die Königin der Alpenpässe, das Stilfser Joch, seineszeichens der zweithöchste befahrbare Paß der Alpen (2760m) und mit Abstand der bautechnisch spektakulärste. Und die Landschaft mit der herrlichen Ortlergruppe ist auch vom Feinsten.

Die Vorbereitung

Gesagt getan, das Ziel war gefunden, jetzt ging es in die Vorbereitung. Doch ist es bei solchen »Expeditionen« so, daß der wichtigste Faktor ausserhalb unserer Einflußmöglichkeiten liegt: Das Wetter. Also verfolgten wir jeden Tag gespannt, wie sich die Prognose für die Region um das Stilfser Joch entwickelte. Ob der guten Erfahrung mit »wetter.com« vom letztenmal, war das unsere Wetterseite. Es begann nicht gut: Ca 10 Tage vor Start wurde starke Bewölkung vorhergesagt, für die hochalpine Zone, in die wir vorstoßen wollen, jedenfalls ein KO-Kriterium. Doch war der Zeitraum noch lang und wir wußten, daß wettermäßig das letzte Wort noch lange nicht gesprochen war.

Und es wurde immer besser, von Tag zu Tag. Nun begann auch unsere logistische Planung. Die Kinder mußte für einen Tag und eine Nacht untergebracht werden, Quartier für uns musste gefunden werden, Ausrüstung überprüft und ggf. ergänzt werden.

Und es ging nicht gerade reibungslos, das Unterbringen der Kinder bei den Großeltern war anfangs ein Problem, da die an diesem Samstag eingeladen waren, jedoch konnte das geklärt werden und die Kinder wurden miteingeladen;-)

Das nächste Problem war der Gesundheitszustand unserer Tochter in der »Expeditionswoche«. Ein hartnäckiges Virus hatte sie ausser Gefecht gesetzt und das hohe Fieber ging nur sehr langsam zurück. Am Donnerstag - also ein Tag vor der Abreise - hatte sich der Zustand dann doch soweit gebessert, daß wir die Hoffnung auf Abreise nicht ganz begraben mussten.

Jedenfalls mußten wir mit der Reservierung des Quartiers abwarten, bis wir einigermaßen sicher sein konnten, daß unserer Abreise nichts im Wege steht. Am Donnerstag morgen schrieb ich also 6 Gästehäuser in der Region an, nur von einem kam eine positive Rückmeldung. Und es war ein großartiges Quartier, der Ortlerhof. Sehr familiär, offen, entgegenkommend - wir haben uns bei Familie Ortler sehr wohl gefühlt! (Stellt sich die Frage, ob die den Namen von dem Berg haben oder der Berg den Namen von ihnen - irgendwie heißen die dort alle Ortler, Menschen und Berge...)

Die Anreise

Letzendlich war es am Donnerstag abend dann soweit, die Wettervorhersage war phantastisch, alles Organisatorische erledigt, wir konnten am nächsten Tag los. Am Freitag nach Schulschluß startetn wir mit dem ersten Ziel Schönaich bei Stuttgart. Mit etwas Verspätung ging es dann von Stuttgart aus weiter. Wir mußten bis spätestens um 20:30 in unserem Quartier sein und wir hatten etwas Sorge im Hinblick auf die Verkehrslage. Doch es ging flott voran und wir blieben konstant 20 Minuten hinter er vorher festgelegten Marschtabelle.

Am Arlbergtunnel fragte ich an der Mautstelle, ob denn das Lösen der Gebühr auch für den nächsten Tag im Voraus eine Ermäßigung nach sich ziehen würde. Das wurde von dem freundlichen Mitarbeiter verneint und er schaute uns mit traurigen Augen an und fragte: Ja, rentiert sich das denn überhaupt, für einen Tag? Dazu später mehr...

Die Strecke Richtung Prad, dem Ort unserer Übernachtung und auch Startort für die Tour führte uns durch eine sehr schöne Gegend über den Reschenpass ins Vinschgau. Alleine das war schon eine Reise wert. Kurz vor acht und nach ca. 5 Stunden Fahrt von Stuttgart waren wir am Ziel und wurden sehr freundlich empfangen. In unserem sauberen, netten Zimmer konnte nun die Einstimmung auf den folgenden Tag beginnen. Es war ein sonderbares Gemisch an Vorfreude, Respekt vor der Herausforderung, Ungewißheit darüber, was auf uns zukommen würde, Verunsicherung.

Der Tag

Gegen 8:30 waren wir startklar, keine Wolke am Himmel, für die Jahreszeit sehr angenehme Temperaturen. Nach etwa 500m von unserem Quartier ging es auch gleich los mit der Steigung, anfangs etwas leichter doch am Ortsende von Prad schon richtig mit bis zu 7%. Ein kleines Hinweisschild konnte ich nicht richtig interpretieren, hatte aber den leisen Verdacht, daß es andeuten wollte, daß bis zur Passhöhe 25km zu fahren seien. Ich verdrängte das, die Vorstellung so lange nur bergauf zu fahren, war dann doch etwas schwer zu verdauen. Im Nachhinein stimmte der Hinweis natürlich. Unten im Tal, wo die Sonne noch nicht hinkam, war es dann doch empfinlich frisch und wir mußten uns lange Handschuhe anziehen.

Aus den Beschreibungen im Internet wußte ich, daß der spektakuläre Teil der Strecke hinter dem Ort Trafoi beginnen würde, bis dahin könne man sich gut warm fahren. Na ja das war dann doch etwas untertrieben, es dauerte recht lange, bis wir in Trafoi waren (ca 1,5 Stunden) und die Steigung war auch nur an wenigen Stellen geringer als 7%. Kurzum es ist einfach mehr als nur eine Warmfahrstrecke. Natürlich kann man hier auch schneller fahren, jedoch mit dem Wissen, daß der Weg bis zur Paßhöhe noch weit ist und man sich die Kräfte einteilen muß, sind wir eben konstant unser Tempo gefahren, egal wie der Weg war.

Ebenfalls aus dem Internet hatte ich erfahren, daß Gustav Thöni, der vierfache Ski-Olympiasieger, aus Trafoi stammte und unsere Gastwirtin hatte uns darauf aufmerksam gemacht, daß wir in Trafoi an seinem Haus/Hotel vorbeifahren würden und seine Pokale im Schaufenster bewundern könnten. Doch wir hatten viel mehr Glück, wir konnten nämlichen den bewundern, der all die Pokale gewonnen hatte - Gustav Thöni persönlich nämlich, der genau in dem Augenblick wo wir vorbeiradelten, vor seinem Haus stand. Ich kannte sein Bild aus dem Internet und hatte ihn sofort erkannt. Für seine Pokale hatte ich keinen Blick mehr.

Kurz vor Gomagoi - der Ort vor Trafoi - fangen die grossen Kehren an, die in einer Zahl von 48 zur Paßhöhe führen. Es war ein kleiner Lichtblick, daß der »Prolog« endlich beendet war und der Paß nun richtig los ging. Sehr hilfreich ist dabei die Höhenangabe, die bei einigen der Kehren (noch) erkennbar ist. Kehre 44 war die Kehre, in der wir eine Zwangspause einlegen mussten, Platten am »Damenrad«. Da ich zu diesem Zeitpunkt etwa 50Hm voraus war, und wieder runterfahren mußte, habe ich an diesem Tag entsprechend mehr Höhenmeter gefahren als sie. Was für ein Triumpf!

Nach kurzer Reparatur ging es weiter, mit dem Ziel die erste grosse Pause an der Franzenshöhe (2100 m Höhe) zu verbringen. Gefühlt hätten wir die Pause schon etwas früher gebraucht, doch aus den Berichten wußte ich, daß man ab der Franzenshöhe die Paßhöhe bereits im Blick hat und einen phantastische Aussicht auf den weiteren Verlauf der Straße mit den zahlreichen Kehren, die am fast senkrechten Berg kleben. Hier wollten wir die Pause geniessen.

Mit einiger Anstrengung schafften wir es auch und bei Kehre 24 war dann erstmal Rast angesagt (Kehre 22 ist eigentlich die, wo der Abzweig zur Franzenshöhe abgeht, die von uns gewünschte Aussicht hatten wir allerdings jetzt schon erreicht). Die Temperaturen waren traumhaft, keine Wolke am Himmel und wir legten uns in die Sonne, die Gesichter zum Ortler. Das alleine ware schon Glückseligkeit pur. Doch nicht genug damit, erklang von der Franzenshöhe plötzlich Blasmusik ist bester Qualität, die uns vertraute Choräle spielte. Es passte einfach in diese Stimmung und zur Volkommenheit des Augenblicks war es in diesem Moment für mich nicht mehr weit. Dieser Tag war ein Geschenk des Himmels, das wußten wir jetzt ganz genau.

Nachher konnten wir feststellen, daß das italienische Militär eine Parade abgehalten und deren Kapelle dazu gespielt hatte. Was sie genau gefeiert haben, wissen wir nicht, uns gefällt aber der Gedanke, daß es der Tag der Deutschen Einheit gewesen sein könnte;-)

Nach etwa 20 Minuten ging es weiter, die restlichen Kehren und dabei je nach Richtung mal die Paßhöhe mal den traumhaften Ortler vor Augen. Die klare Sicht auf seinen vergletscherten Gipfel ließ unsere Herzen bei jedem Anblick höher schlagen. Es war jede Mühe wert.

Der einzige Wermutstropfen waren natürlich die motorisierten Zeitgenossen, die uns den ganzen Tag begleitet haben. Die Autos gingen ja noch (z. B. Porscheclub Bochum mit einem knappen Dutzend Porsches , Audi TT Club Ludwigsburg mit einem guten Dutzend TT's - um nur einige zu nennen), doch die Motorräder waren die Hölle. Bei einem Brunnen blieben wir kurz stehen, um unsere Wasserflaschen zu füllen. Just in dem Augneblick hielten zwei Motorradfahrer neben uns an und die beiden Fahrer fingen an, die Steine aus der Befestigungswand um den Brunnen nacheinander herauszuziehen und irgendetwas zu suchen. Uns war sofort klar, was abging, da wir ja auch begeisterte Geocacher sind. Unsere Nachfrage wurde auch bestätigt, jedoch konnte ich mir den Rüffel nicht ersparen, daß Geocachen nicht so offensichtlich erfolgen darf, wenn »Muggelgefahr« herrscht, sprich andere Leute (Nichtgeocacher) in der Nähe sind und so der Ort es Schatzes preisgegeben werden könnte. Die zwei Armleuchter hielten sich nicht an die elementarsten Regeln für Geocaching. Das - zusammen mit ihren Krachmachermaschinen machte sie für uns erst Recht zum Ziel unserer Verwünschungen.

Nach noch einer kurzen Schokoladenpause ging's weiter Richtung letzte Kehre und Paßhöhe. Wir waren sehr langsam unterwegs gewesen, hatten nie einen anderen Fahrradfahrer überholt, wurden scheinbar von allen anderen überholt, haben aber jeden Pedaltritt - wenn auch manchmal etwas gequält - genossen. Gedanken an Aufgeben oder Scheitern sind uns während der Fahrt nie gekommen, es ging immer irgendwie weiter. Das Schwerste war eigentlich der Gedanke, daß es zu Ende gehen würde.

Wobei, daß wird einem dann wiederum etwas leicht gemacht, ist man einmal auf der Paßhöhe. Souvenirläden, Würstchenbuden, Fahrzeuge, Menschen - abschreckend. Da will man nur noch schnell weg.

So blieben wir nicht lange oben, da der Wind uns auch eiskalt um die Ohren pfiff, machten die obligatorischen Zielfotos und stürzten uns dann in die Abfahrt, jedoch nicht denselben Weg zurück sondern über die andere Seite den Umbrailpass fahrend und dabei auch noch die Schweiz besuchend.

Dieser Rundkurs über Prad-Stilfser Joch-Umbrailpaß nach Prad zurück ist wunderbar. Der Umbrailpaß ist dabei ein sehr schlönes Kontrastprogram zum Stilfser Joch: Kaum Verkehr, sehr urwüchsig. So fuhren wir runter Richtung Val Müstair, durch zwei kleine schöne Orte (Sankt Maria und Müstair) vorbei am weltberühmten Kloster Sank Johann (für eine Besuch war leider keine Zeit), die uns das ganz eigene schweizer Flair spüren liessen.

Der Abschluß

Gegen 16:00 waren wir wieder in Prad an unserem Auto und konnten, nach schnellem Frischmachen, die Heimreise antreten. Und diese Fahrt haben wir auch genossen. Zum Einen wegen des Hochgefühls, etwas Ausserordentliches geschafft zu haben, zum Anderen dann auch wegen der schönen Gegend (Reschensee, Fernpaß, Zugspitzmassiv). Um 21:30 waren wir wieder bei unseren Kindern in Schönaich, nach einem grandiosen Wochenende und einem Erlebnis, daß eines 40.ten Geburtstags auf jeden Fall würdig war.

Und was die Frage des Rentierens angeht, so können wir das nur mit Inbrunst bejahen. Die Intensität dieses Erlebnisses zu zweit hat sich in unsere Seelen eingebrannt, wird ein Leben lang unser Geschenk bleiben. Wie will man das in einer Rentabilitätsrechnung aufgehen lassen? Es ist unbezahlbar!

In unserem bisherigen Fahrradleben war das mit Abstand das Grösste, was wir erlebt haben! Was kommt nun als nächstes? Da sind wir uns auch schon einig: Im nächsten Jahr muß es ein Alpencross sein!

Wir werden berichten…die Planung läuft schon!

Autor: Gottfried D. OrendiErstellungsdatum: 05.10.2009
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