23.Jun.2017 | 00:25:17
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Der Frankensteinmythos

Cineasten und einige mehr kenne mit Sicherheit das Frankensteinmonster bzw. haben den Roman von Mary Shelley gelesen oder eine der zahlreichen Verfilmungen des Stoffs verfolgt. In unmittelbarer Nähe zu unserem Wohnort in Südhessen liegt eine schöne Burg mit dem Namen Frankenstein, just auf unserem »Hausgberg« wenn es um Mountainbiketraining geht.

Zwischen dem weltberühmten Roman und dieser Burg scheint es durchaus eine Verbindung zu geben, die über die Namensgleichheit hinausgeht, es stellt sich nur die Frage welcher Art diese Verbindung ist. Und hieran scheiden sich die Geister. Durch einen Zufall sind wir in diese Sache reingeraten und wollen hier darüber berichten und vielleicht zur Erheiterung des einen oder anderen beitragen.

Die Vorgeschichte

Im Rahmen eines Workshops mit amerikanischen Kollegen hatte ich im Herbst '07 ein social event auf der Burg Frankenstein organsiert. Da man seinen Gästen ja auch immer was bieten will, hatte ich über die Geschichte der Burg etwas recherchiert und war auf folgende Geschichte gestossen:

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts soll ein gewisser Johann Konrad Dippel auf der Burg gelebt und als Alchimist geforscht haben. Um ihn rankten sich bei den abergläubischen Bewohnern der umliegenden Dörfer viele Schauermärchen. Die Gebrüder Grimm kamen auf einer ihrer Reisen auch im Mühltal am Fuße des Frankenstein vorbei und hörten eine von diesem Geschichten. Ihre Märchen sendeten sie per Post auch nach England, wo die Stiefmutter von Mary Shelley diese in die englische Sprache übersetzte.

So kam Mary Shelly zu dem Material für ihren späteren literarischen Welterfolg: The Frankensteinmonster, …

Die meinen amerikanischen Kollegen wohlbekannte Gestalt des Frankensteinmonsters hatte also einen Bezug ins Südhessische also nahm ich diese Geschichte dankbar auf und gab sie an besagtem Abend zum Besten. Was auch für entsprechend gute Stimmung sorgte.

Der Zufall

Im August '09 fuhren wir mit unseren Kindern mit dem Fahrrad Richtung Frankenstein, mit dem Ziel alle vier oben anzukommen. Es dauerte lange aber wir schafften es. Wie wir nun da so rum stehen im Burghof, beobachte ich einen älteren Herren, der gerade mit dem Abbau eines Bücherstands beschäftigt war. Hilfsbereit wie ich nun mal bin, habe ich gleich hingelangt und ihm etwas geholfen. So kam es zu einem sehr interessanten Gespräch über die Burg und mein Gesprächspartner erwies sich als absoluter Kenner der Geschichte derselbigen. Natürlich wollte ich mit meinem Wissen auch glänzen und gab meine Story preis, die von meinem Gegenüber auch sofort als richtig bestätigt wurde. Über die von mir kritisch hinterfragte Beziehung der Brüder Grimm nach England sagte der ältere Herr mit tiefster Überzeugung: Ja die gibt es und ich habe den Brief persönlich gesehen. Ich war extra dafür in London. Zur Zeit ist der Brief zwar verschwunden und wir suchen ihn, geben tut es ihn auf jeden Fall.

Zum Zeitpunkt des Gesprächs wußte ich noch nicht, mit wem ich es da zu tun hatte. Der Mann gab uns seine Visitenkarte zwecks Kontaktaufnahme, wenn man denn mal eine Burgführung machen will und wir machten uns auf die Abahrt.

Die Nachbereitung

Zuhause machte ich mich auf die Internetsuche nach dem Mann mit Namen "Walter Scheele". Und da kam eine Geschichte ja ein Disput zum Vorschein, der uns ungemein erheiterte. Herr Scheele ist eine sehr umstrittene Persönlichkeit. Ihm wird vorgeworfen, die Geschichte mit der Verbindung der Burg Frankenstein und der Geschichte von Mary Shelley ohne jegliche wissenschaftlich fundierte Grundlagen in die Welt gesetzt zu haben. Seit einigen Jahren schon liefert sich der Geschichtsverein Eberstadt und Frankentstein einen heftigen, mehr oder weniger öffentlichen Disput mit Herren Scheele, ob der Richtigkeit dieser Darstellung. Aus Sicht des Vereins ist eine derartige Verbindung mit historischen Material nicht nachzuweisen. Zu dumm, daß zahlreiche Medien die Geschichte von Herrn Scheele aber so spannend fanden und sie vielfach verbreitet, und mitlerweilen bei den Quellenangaben aufeinander verweisen, so daß ein Nachprüfen dieser Quellen zunehmend schwerer wird.

Jedenfalls wurde mir nach dieser Recherche klar, daß ich wohl genau den Richtigen gefunden hatte, um meine Geschichte, die ich den Amikollegen erzählt hatte, zu überprüfen - nämlichen genau den, der sie hervorgebracht hat. Nichtsdestotrotz wollen wir spasseshalber in dem ganzen Durcheinander auch ein bischen mitmischen und unsere Analyse der Situation präsentieren.

Die Analyse

Nüchtern betrachtet muß man feststellen, daß die Seite die gegen die Monstergeschichte argumentiert, mit Unterlagen aus Archiven und den Tagebuchaufzeichnungen von Mary Shelly aufwartet, die andere Seite eher mit Unterlagen, die nicht einsehbar sind, gesucht werden usw.

Als naturwissenschaftlich ausgebildete Menschen tendieren wir dazu, uns an belegbare Tatsachen zu halten, auch wenn es uns schwerfällt, ist die Geschichte mit dem Monster doch so drollig.

Wie kann so etwas entstehen? Die Idee dieser Verbindung von Johann Konrad Dippel auf dem Frankenstein, seine alchimistischen Versuche, die Legenden, Gruselmärchen und der literarische Welterfolg hat schon einen fast unwiderstehlichen Charme. In so eine Idee kann man sich durchaus verlieben.

Und wir wissen, daß Menschen, um sich in ihrer Umwelt zurechtzufinden, die massenhaft Informationen auf sie einprasseln läßt, diese irgendwie filtern muß. Wir alle haben Informationensfilter in unserem Rucksack. Und diese sind auch sehr individuell getuned, je nach Konditionierung, Lebenseinstellung, Erfahrung, ... Man weiß auch aus vielen Studien, daß wir Informationen, die unsere Überzeugungen bestätigen, eher durhchlassen als solche, die dieses nicht tun.

Hat man sich nun schon mal in eine Idee wie obengenannte verliebt, fängt man wohl auch an, Informationen entsprechend zu filtern. Ein unvoreingenommener Umgang mit den Informationen rund um das Thema ist kaum noch möglich. Erst recht dann nicht, wenn die Auseinandersetzung mit dem Thema zum Lebenswerk wird. Ab einem gewissen Zeitpunkt kann man nicht mehr unterschdeiden, was Fakt, was Wunschdenken und was Legende ist.

Wir haben den leichten Verdacht, daß in diesem Fall so etwas Ähnliches passiert sein könnte. Es gibt ein Faktum in der Geschichte, das für uns persönlich den Ausschlag dahin geben hat, daß wir glauben, daß die Monstergeschichte in der Tat nur eine erfundene Geschichte ist. 20 Jahr nach dem Erscheinen ihres erfolgreichen Buchs weilte Mary Shelly an der Berstraße. In ihren Aufzeichnungen beschreibt sie die Landschaft erwähnt jedoch mit keinem Wort die Burg Frankenstein.

Ich stelle mir die Frage, wenn ich an den Ort komme, der als Vorlage für ein ausserordentlich erfolgreiches Buch gedient hat, ob mich der interessiert oder nicht. Keine 10 Pferde könnte mich davon abhalten, den Ort zu besuchen. Jedoch bei Mary Shelly kein Wort dazu. Ist doch irgendwie komisch.

Die Nachbereitung

Selbst wenn wir die Geschichte mit dem Frankensteinmonster beseite schieben, bleiben wir nach wie vor von der Burg begeistert. Sie verliert für uns nichts von ihrem Charme. Und wenn mit der beschriebenen Geschichte Touristen angelockt werden können, die dazu beitrage, daß das Bauwerk erhalten bleibt, soll es uns recht sein. Ja wir werden diese Geschichte beim nächsten Besuch der amerikanischen Freunde mit noch mehr Inbrunst erzählen.

Wir wollen auch niemandem den Spaß an spannenden Geschichten verderben. Das einzige was man bei dem ganzen Brimborium erreichen sollte, ist eine klare Trennung zwischen Fakten und Legenden. Und jedem steht es dann frei, daß für sich Passendere rauszusuchen.

Autor: Gottfried D. Orendi
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