18.Jun.2019 | 05:43:30
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Der Frankensteinmythos

Cineasten und einige mehr kenne mit Sicherheit das Frankensteinmonster bzw. haben den Roman von Mary Shelley gelesen oder eine der zahlreichen Verfilmungen des Stoffs verfolgt. In unmittelbarer Nähe zu unserem Wohnort in Südhessen liegt eine schöne Burg mit dem Namen Frankenstein, just auf unserem Hausgberg wenn es um Mountainbiketraining geht.

Zwischen dem weltberühmten Roman und dieser Burg scheint es durchaus eine Verbindung zu geben, die über die Namensgleichheit hinausgeht, es stellt sich nur die Frage welcher Art diese Verbindung ist. Und hieran scheiden sich die Geister. Durch einen Zufall sind wir in diese Sache reingeraten und wollen hier darüber berichten und vielleicht zur Erheiterung des einen oder anderen beitragen.

Die Vorgeschichte

Im Rahmen eines Workshops mit amerikanischen Kollegen hatte ich im Herbst '07 ein social event auf der Burg Frankenstein organsiert. Da man seinen G�sten ja auch immer was bieten will, hatte ich �ber die Geschichte der Burg etwas recherchiert und war auf folgende Geschichte gestossen:

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts soll ein gewisser Johann Konrad Dippel auf der Burg gelebt und als Alchimist geforscht haben. Um ihn rankten sich bei den abergl�ubischen Bewohnern der umliegenden D�rfer viele Schauerm�rchen. Die Gebr�der Grimm kamen auf einer ihrer Reisen auch im M�hltal am Fu�e des Frankenstein vorbei und h�rten eine von diesem Geschichten. Ihre M�rchen sendeten sie per Post auch nach England, wo die Stiefmutter von Mary Shelley diese in die englische Sprache �bersetzte.

So kam Mary Shelly zu dem Material für ihren späteren literarischen Welterfolg: The Frankensteinmonster, �

Die meinen amerikanischen Kollegen wohlbekannte Gestalt des Frankensteinmonsters hatte also einen Bezug ins Südhessische also nahm ich diese Geschichte dankbar auf und gab sie an besagtem Abend zum Besten. Was auch f�r entsprechend gute Stimmung sorgte.

Der Zufall

Im August '09 fuhren wir mit unseren Kindern mit dem Fahrrad Richtung Frankenstein, mit dem Ziel alle vier oben anzukommen. Es dauerte lange aber wir schafften es. Wie wir nun da so rum stehen im Burghof, beobachte ich einen �lteren Herren, der gerade mit dem Abbau eines B�cherstands besch�ftigt war. Hilfsbereit wie ich nun mal bin, habe ich gleich hingelangt und ihm etwas geholfen. So kam es zu einem sehr interessanten Gespr�ch �ber die Burg und mein Gespr�chspartner erwies sich als absoluter Kenner der Geschichte derselbigen. Nat�rlich wollte ich mit meinem Wissen auch gl�nzen und gab meine Story preis, die von meinem Gegen�ber auch sofort als richtig best�tigt wurde. �ber die von mir kritisch hinterfragte Beziehung der Br�der Grimm nach England sagte der �ltere Herr mit tiefster �berzeugung: Ja die gibt es und ich habe den Brief pers�nlich gesehen. Ich war extra daf�r in London. Zur Zeit ist der Brief zwar verschwunden und wir suchen ihn, geben tut es ihn auf jeden Fall.

Zum Zeitpunkt des Gesprächs wußte ich noch nicht, mit wem ich es da zu tun hatte. Der Mann gab uns seine Visitenkarte zwecks Kontaktaufnahme, wenn man denn mal eine Burgf�hrung machen will und wir machten uns auf die Abahrt.

Die Nachbereitung

Zuhause machte ich mich auf die Internetsuche nach dem Mann mit Namen "Walter Scheele". Und da kam eine Geschichte ja ein Disput zum Vorschein, der uns ungemein erheiterte. Herr Scheele ist eine sehr umstrittene Pers�nlichkeit. Ihm wird vorgeworfen, die Geschichte mit der Verbindung der Burg Frankenstein und der Geschichte von Mary Shelley ohne jegliche wissenschaftlich fundierte Grundlagen in die Welt gesetzt zu haben. Seit einigen Jahren schon liefert sich der Geschichtsverein Eberstadt und Frankentstein einen heftigen, mehr oder weniger �ffentlichen Disput mit Herren Scheele, ob der Richtigkeit dieser Darstellung. Aus Sicht des Vereins ist eine derartige Verbindung mit historischen Material nicht nachzuweisen. Zu dumm, da� zahlreiche Medien die Geschichte von Herrn Scheele aber so spannend fanden und sie vielfach verbreitet, und mitlerweilen bei den Quellenangaben aufeinander verweisen, so da� ein Nachpr�fen dieser Quellen zunehmend schwerer wird.

Jedenfalls wurde mir nach dieser Recherche klar, daß ich wohl genau den Richtigen gefunden hatte, um meine Geschichte, die ich den Amikollegen erz�hlt hatte, zu �berpr�fen - n�mlichen genau den, der sie hervorgebracht hat. Nichtsdestotrotz wollen wir spasseshalber in dem ganzen Durcheinander auch ein bischen mitmischen und unsere Analyse der Situation pr�sentieren.

Die Analyse

Nüchtern betrachtet muß man feststellen, dass die Seite die gegen die Monstergeschichte argumentiert, mit Unterlagen aus Archiven und den Tagebuchaufzeichnungen von Mary Shelly aufwartet, die andere Seite eher mit Unterlagen, die nicht einsehbar sind, gesucht werden usw.

Als naturwissenschaftlich ausgebildete Menschen tendieren wir dazu, uns an belegbare Tatsachen zu halten, auch wenn es uns schwerf�llt, ist die Geschichte mit dem Monster doch so drollig.

Wie kann so etwas entstehen? Die Idee dieser Verbindung von Johann Konrad Dippel auf dem Frankenstein, seine alchimistischen Versuche, die Legenden, Gruselm�rchen und der literarische Welterfolg hat schon einen fast unwiderstehlichen Charme. In so eine Idee kann man sich durchaus verlieben.

Und wir wissen, da� Menschen, um sich in ihrer Umwelt zurechtzufinden, die massenhaft Informationen auf sie einprasseln l��t, diese irgendwie filtern mu�. Wir alle haben Informationensfilter in unserem Rucksack. Und diese sind auch sehr individuell getuned, je nach Konditionierung, Lebenseinstellung, Erfahrung, ... Man wei� auch aus vielen Studien, da� wir Informationen, die unsere �berzeugungen best�tigen, eher durhchlassen als solche, die dieses nicht tun.

Hat man sich nun schon mal in eine Idee wie obengenannte verliebt, f�ngt man wohl auch an, Informationen entsprechend zu filtern. Ein unvoreingenommener Umgang mit den Informationen rund um das Thema ist kaum noch m�glich. Erst recht dann nicht, wenn die Auseinandersetzung mit dem Thema zum Lebenswerk wird. Ab einem gewissen Zeitpunkt kann man nicht mehr unterschdeiden, was Fakt, was Wunschdenken und was Legende ist.

Wir haben den leichten Verdacht, da� in diesem Fall so etwas �hnliches passiert sein k�nnte. Es gibt ein Faktum in der Geschichte, das f�r uns pers�nlich den Ausschlag dahin geben hat, da� wir glauben, da� die Monstergeschichte in der Tat nur eine erfundene Geschichte ist. 20 Jahr nach dem Erscheinen ihres erfolgreichen Buchs weilte Mary Shelly an der Berstra�e. In ihren Aufzeichnungen beschreibt sie die Landschaft erw�hnt jedoch mit keinem Wort die Burg Frankenstein.

Ich stelle mir die Frage, wenn ich an den Ort komme, der als Vorlage f�r ein ausserordentlich erfolgreiches Buch gedient hat, ob mich der interessiert oder nicht. Keine 10 Pferde k�nnte mich davon abhalten, den Ort zu besuchen. Jedoch bei Mary Shelly kein Wort dazu. Ist doch irgendwie komisch.

Die Nachbereitung

Selbst wenn wir die Geschichte mit dem Frankensteinmonster beseite schieben, bleiben wir nach wie vor von der Burg begeistert. Sie verliert f�r uns nichts von ihrem Charme. Und wenn mit der beschriebenen Geschichte Touristen angelockt werden k�nnen, die dazu beitrage, da� das Bauwerk erhalten bleibt, soll es uns recht sein. Ja wir werden diese Geschichte beim n�chsten Besuch der amerikanischen Freunde mit noch mehr Inbrunst erz�hlen.

Wir wollen auch niemandem den Spa� an spannenden Geschichten verderben. Das einzige was man bei dem ganzen Brimborium erreichen sollte, ist eine klare Trennung zwischen Fakten und Legenden. Und jedem steht es dann frei, da� f�r sich Passendere rauszusuchen.

Autor: Gottfried D. Orendi
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